Die Bevölkerung in Deutschland ist offen für Sprechstunden, die von Pflegefachpersonen in Hausarztpraxen geleitet werden: 83,6 Prozent der Befragten ohne entsprechende Vorerfahrung wären bereit, ein solches Angebot zu nutzen. Das zeigt eine am 27. August 2026 im European Journal of General Practice online erschienene Querschnittsstudie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Die Studie

Das Team um Celina Wiens und Solveig Weise vom Institut für Allgemeinmedizin und Familienmedizin der Universität Halle-Wittenberg — mit Felix Lässig, Thomas Frese, Marcus Heise, Jan Schildmann und Rafael Mikolajczyk — befragte zwischen Juli und September 2023 Teilnehmende des HeReCa-Panels online. Die Personen wurden zufällig aus fünf Bundesländern ausgewählt, stratifiziert nach Urbanität und Alter. Der Rücklauf lag bei 50,0 Prozent (1.532 von 3.066); in die Analyse zur Akzeptanz gingen 1.419 Personen ohne Vorerfahrung mit pflegegeleiteten Konsultationen ein. Rund 39,7 Prozent der Befragten wurden in Einzelpraxen versorgt.

Hintergrund der Studie ist die Frage, ob sich pflegegeleitete Sprechstunden, die in Ländern mit etablierten Modellen gut akzeptiert sind, auf Deutschland übertragen lassen. Qualitative Daten deuteten bereits auf Offenheit hin, quantitative Belege fehlten bislang.

Was die Zahlen zeigen

Die Bereitschaft war am höchsten bei oberflächlichen Wunden, Atemwegsinfekten und chronischen Erkrankungen, am niedrigsten bei neu aufgetretenen Rückenschmerzen. Wer den Pflegefachpersonen fachliche Kompetenz zutraute, war deutlich eher bereit (Odds Ratio 2,46; 95-%-KI 1,60–3,82), ebenso bei Vertrauen in ihre kommunikativen Fähigkeiten (OR 1,80; 1,18–2,75). Höheres Alter senkte die Bereitschaft (OR 0,32 für 74- bis 83-Jährige gegenüber 22- bis 33-Jährigen), ebenso die Versorgung in einer Einzelpraxis (OR 0,69; 0,48–0,99). Geschlecht, regionale Variablen und Bevölkerungsdichte zeigten keine relevanten Zusammenhänge.

Die Autor:innen schließen daraus, dass die Akzeptanz pflegegeleiteter Konsultationen in der deutschen Allgemeinbevölkerung hoch ist. Vertrauen in die fachlichen und kommunikativen Fähigkeiten sowie jüngeres Alter gingen mit höherer Bereitschaft einher, die Behandlung in Einzelpraxen mit niedrigerer.

Einordnung für den DACH-Raum

Die Studie befragte zur Rolle der „practice nurse“ in Hausarztpraxen, nicht explizit zu Advanced Practice Nurses. Dennoch liefert sie erstmals bevölkerungsbasierte Zahlen zu einer Frage, die in der APN-Debatte oft nur behauptet wird: ob Patient:innen erweiterte pflegerische Rollen überhaupt annehmen. In Deutschland fällt die Veröffentlichung in die Phase zwischen dem seit 1. Jänner 2026 geltenden § 4a PflBG (BEEP) und dem vom Bundesgesundheitsministerium angekündigten APN-Gesetz. Für Österreich, wo Pflegeexpert:innen APN in Primärversorgungseinheiten und im Community Nursing tätig sind, und für die Schweiz, wo die zuständige Ständeratskommission auf die GesBG-Revision eingetreten ist und die Beratung im Ständerat noch aussteht, ist der Befund übertragbar: Akzeptanz hängt weniger vom Setting als vom Vertrauen in die Kompetenz der Pflegefachpersonen ab — ein Argument für sichtbare Qualifikationsstandards.