Der International Council of Nurses (ICN) hat am 9. September 2026 den Evidence Brief „The Attractiveness of Nursing for Prospective and Current Nursing Students“ vorgestellt. Die Kernbotschaft: Wer den Pflegemangel bekämpfen will, muss an Arbeitsbedingungen, Vergütung und Karrierewegen ansetzen — nicht an Werbekampagnen.

Was der Brief untersucht

Herausgeber ist das Global Nursing Workforce Centre (GNWC), eine gemeinsame Initiative von ICN und TruMerit. Der Brief selbst ist auf den 20. August 2026 datiert und wertet Studien aus 42 Ländern aller großen Weltregionen aus. Die Leitfragen: Welche Faktoren machen die Pflege für angehende und aktuelle Studierende attraktiv — und wie beeinflussen die Werte jüngerer Generationen die langfristige Anziehungskraft des Berufs?

Die zentralen Befunde

Berufung — der Wunsch, anderen zu helfen — bleibt laut Auswertung das stärkste Motiv beim Berufseinstieg. Zugleich zeigt sich, dass die Faktoren, die Menschen in die Pflege bringen, häufig dieselben sind, die über ihren Verbleib entscheiden: Burnout und Arbeitsbedingungen wirken sowohl auf die Rekrutierung als auch auf die Bindung negativ. Vergütung, berufliche Anerkennung und das gesellschaftliche Bild der Pflege prägen Karriereentscheidungen erheblich. Jüngere Generationen erwarten Flexibilität, Work-Life-Balance und Entwicklungsmöglichkeiten.

ICN-CEO Howard Catton formulierte es so: „A sense of vocation may bring people into nursing, but it does not put food on the table, and it cannot protect nurses from burnout.“ (Berufung könne Menschen in die Pflege bringen, aber sie zahle keine Rechnungen und schütze nicht vor Burnout.) Der Beruf werde „an beiden Enden gequetscht“: Jüngere erwarteten zu Recht faire Entlohnung, Flexibilität und Aufstiegschancen, während erfahrene Pflegende durch untragbaren Druck hinausgedrängt würden. Regierungen hätten sich zu lange auf die Berufung der Pflegenden verlassen.

Peter Preziosi, Präsident und CEO von TruMerit, ergänzte, die Botschaft an die Politik sei klar: Evidenzbasierte Workforce-Politiken, die professionelles Wachstum, Wohlbefinden und die Fähigkeit zu qualitativ guter Versorgung unterstützen, seien für widerstandsfähige Gesundheitssysteme unerlässlich.

Einordnung für den DACH-Raum

Der Brief liefert internationale Evidenz für ein Argument, das DBfK, ÖGKV und SBK seit Jahren vorbringen: Klinische Karrierewege wie die Rolle der Pflegeexpert:innen APN sind nicht nur ein Versorgungsmodell, sondern ein Instrument der Personalbindung. In Deutschland ist mit § 4a PflBG (BEEP) seit 1. Jänner 2026 die selbstständige Heilkundeausübung möglich, ein eigenes APN-Gesetz ist angekündigt; in der Schweiz hat der Nationalrat der GesBG-Revision im April 2026 zugestimmt, die Ständeratskommission ist am 2. September eingetreten. Österreich diskutiert nach den GuKG-Novellen und § 15b GuKG weiter über Titelschutz und Verankerung. Der Befund des GNWC macht deutlich, warum diese Rechtsrahmen mehr sind als Berufspolitik: Ohne Aufstiegsperspektiven verliert die Pflege genau jene Generation, die sie am dringendsten braucht.